Major Tom Cruise

Major Tom war ein sehr einsamer Kapitän, er wusste es bloß nicht. Er hatte schon so viele Welten bereist und schon so viel gesehen, dass er sich selbst schon lange so vorkam als sei er nicht er selbst, kein ganzer Mensch, sondern ein Teil seiner Umgebung, ein Glassplitter oder eine Tonscherbe, die nach und nach unaufhaltsam von seiner Umgebung zu feinstem Staub geschliffen wird. Die meiste Zeit seines Lebens hat er in dunklen, engen, gravitationslosen Löchern zugebracht, die sich von einem Ende der Galaxie zum anderen bewegen.

Viele stellen sich interstellare Reisen als aufregende und unvergessliche Momente vor, doch Tom kannte diese Reisen nicht nur aus Erzählungen. Der kosmische Jetlag und die ständigen Anpassungen, die Körper und Geist jedes Mal durchlaufen müssen, wenn man am Ziel ankommt... Keine Frage, über die Dauer hat er sich daran gewöhnt und ist, man könnte sagen, flexibel geworden. In Wahrheit aber konnte er sich einfach nicht mehr wehren. Er war gezwungen, klein beizugeben, weil der verdammte Kosmos kein Erbarmen kennt und einen spüren lässt, dass er mit einem all das machen kann, was ihm gefällt.

Wie gesagt, er war einsam, obwohl er nie ohne Crew unterwegs gewesen ist. Unzählige Havarien und Verletzungen hatte er überstanden, doch nur die Einsamkeit schaffte ihn, zwang ihn langsam in die Knie.

In dieser verfluchten, unendlichen Weite hat es niemanden gegeben, hat es niemand geschafft seine Bahn zu kreuzen und ihn vom Kurs abkommen zu lassen. Seine Disziplin und seine Robustheit waren immer stärker als jeder Kometenhaufen durch den er geflogen ist und als jede noch so hell leuchtende Sonne da draußen, jenseits seiner Routen.

Er hätte es tausend Mal tun können – sich eine Sonne nicht nur anzuschauen, sondern sich die Zeit nehmen und dorthin zu fliegen, eine Abzweigung nehmen, die ihn nicht ans Ziel führen würde, sondern dorthin, wo es keine Arbeit und keine Aufgabe für ihn gäbe, weil es dort keine Fracht und vielleicht überhaupt keinen Hafen gibt, wo man aber möglicherweise für einen kurzen Moment die Chance bekommt zu sich zu kommen.

Doch er hat es nie getan, er ist immer auf seinem Kurs geblieben und jetzt war er zu alt um den Kurs zu wechseln, denn würde er das tun, er wurde womöglich verschwinden vom Radar seiner Minengesellschaft und man würde ihn logischerweise ersetzen, denn irgendwer muss das ganze Zeug ja schließlich hin- und herkarren.

Was hatte er da eigentlich die ganze Zeit befördert - er wusste es nicht mal richtig. Es war viel Krempel, Maschinen, die irgendwo anders zum Herstellen anderer Maschinen benötigt wurden, Zeug, das jemand brauchte, um irgendwelche Löcher zu buddeln und um wertvolle Mineralien zu fördern. Seine Touren bewegten sich immer um Mitten herum. Er bewegte sich immer am Rand der Galaxien. Kein Weg führte je durch die Mitte.

Seine besten Jahre waren ganz klar vorbei, aber seine Tage waren bestimmt noch nicht gezählt.

Tief drin war er unruhig, unbeherrscht und gereizt, denn er hatte das Gefühl einer dieser Mitten entsprungen zu sein, jedoch ohne jemals die Gelegenheit wahrgenommen zu haben sie besucht zu haben. Er war immer nur Beobachter. Zwischen ihm und den Mitten war viel Raum und dickes, altes Panzerglas.

Das Licht blendete ihn, er war es nicht gewohnt. Schon seit Tagen war es ununterbrochen hell und so lange es hell war, so lange hatte Tom auch nicht geschlafen. Es gibt keine Tage oder Nächte im Weltall, es gibt nur hell oder dunkel und das meiste davon ist dunkel. Es lief alles wie gewohnt, außer, dass ihm alles leichter fiel als sonst. Er konnte durchatmen, das ging ganz wie von Zauberhand, ganz von allein.

Auf dieser Reise war er ausnahmsweise mal allein. Er hatte das so nicht geplant, es hat sich irgendwie so ergeben – sein Herz wollte es so und deshalb hätte er eh nichts dran ändern können. Er hatte seine Kraft für seine Reisen verbraucht und deshalb hatte sein Herz jetzt ganz leichtes Spiel. Er wollte nicht schlafen, er hatte genug geschlafen, Tom war so wach wie noch nie zuvor...

"Tom hatte seine Orientierung verloren", stand später im Bericht. "Er sei ausgezehrt und verbraucht gewesen, aber man sei ihm nicht richtig böse deswegen".

Das stimmt, böse konnte man ihm auch nicht sein, denn schließlich hatte er genug Geld eingefahren über die ganzen Jahre. Man dichtete sich also auch dieses Mal etwas Abenteuerliches und Romantisches zusammen und war wie immer zufrieden damit.

Doch es war keine Sonne, es war ein schwarzes Loch. Es ist nämlich so: schwarze Löcher strahlen so heftig wenn man in ihrer Nähe ist, dass sie wie die hellsten Sonnen aussehen, die man sich nur vorstellen kann. Aber woher soll man das wissen? Nichts und niemand ist je einem schwarzen Loch entkommen um über dieses Phänomen berichten zu können. Außerdem ist es eh zu spät, wenn man einem schwarzen Loch so nahe gekommen ist, dass man hell statt dunkel sieht. Es geht übrigens nicht so schnell wie man sich das vorstellt, es dauert eine Ewigkeit bis man da durch ist und es läuft alles rückwärts. Man vergisst alles. Nach und nach vergisst man alles was man getan hat, was einen gefreut oder verletzt hat, man vergisst alle Orte und Gesichter, man öffnet sich.

Tom stand schon seit einer halben Ewigkeit da und starrte diesen riesigen, hellen Fleck durch die Frontluken seiner Brücke an. Manchmal schweifte sein Geist kurz ab und es blitzte durch ihn durch. Es waren Fragen aus der Vergangenheit, Fragen, die noch an alte Erlebnisse geknüpft waren. Doch das kühle, weiße Licht löschte diese Fragen wenn sie kamen.

Tom wurde nicht zu jemand anderem. Tom war müde, doch sein Herz hatte kein Problem damit. Die gewaltige Gravitation des schwarzen Loches gab ihm nach und nach das Gefühl zurück, wieder festen Boden unter seinen Füßen zu haben. Die verfluchte Schwerelosigkeit, an die er sich schon seit Langem gewöhnt hatte, begann zu weichen und Tom fiel auf den Boden seiner Brücke. Es war das erste Mal, dass er mitten im Weltraum den Boden seiner Brücke betreten konnte. Er spürte wie die Anziehung immer größer wurde und über das, was er kannte hinauswuchs. Doch es tat nicht weh, es zerriss ihn einfach und saugte ihn ein. Es war vorbei, die Einsamkeit, die er so lange im Weltall ertragen musste war vorbei. Eine neue Welt öffnete sich - eine neue Chance. Tom hieß nicht mehr Tom und er war auch nicht mehr Raumfahrer. Er war noch völlig unbeschrieben und musste sich aufs Neue zurechtfinden, orientieren und werden. Vielleicht würde dieses Mal etwas seinen Weg kreuzen und nicht nur kreuzen sondern ihn voll erwischen, ihn zu Boden zwingen und seine Disziplin und Kraft zerschmettern, so dass er seinen Panzer nicht mehr zusammensetzen könnte und genauso verwundbar würde, wie alle anderen und endlich die Hand nähme, die ihm gereicht wird.

Tom war mal der Beste, er war immer noch gut und er hatte verdammtes Glück, dass er doch noch vom Weg abgekommen ist.

Meine Reise durchs Wasser...

...sie begann noch vor meiner Zeit, sie ließ mich beginnen.

Ich kam mit dem Fluss und ich konnte nicht schwimmen, deshalb bin ich auch gleich zu Anfang fast ertrunken. Ich war schon sieben oder acht und konnte immer noch nicht schwimmen. Ein kleiner Junge, der nicht schwimmen kann, obwohl er in einem Fluss treibt – das ist nicht gut und ein großes Glück, dass kein größeres Unglück mich bis dahin in die Tiefe gezogen hatte. Doch die Tiefe kam und mit ihr das Ertrinken. Ich bin nicht ertrunken, Gott sei Dank, doch ich weiß es noch wie heute, ich weiß, wie es ist zu ertrinken. In meinem Fall ging alles sehr schnell. Da ich nicht schwimmen konnte und das Wasser unter mir plötzlich tief wurde, war ich schnell drin. Meine Mutter hatte mir einige Zeit zuvor von ertrinkenden Menschen erzählt und dass sie in Panik geraten würden – als hätte sie es geahnt. Doch meine Mutter war nicht da und nun verstand ich was sie meinte. Doch außer meiner Panik und den wirklich verzweifelten Versuchen nach Luft zu schnappen gab es da noch mehr, was einen Ertrinkenden ausmacht, zumindest in meinem Fall. Mit meinen sieben oder acht Jahren lief plötzlich mein Leben vor meinen Augen an mir vorbei während ich noch darum kämpfte. Ich sah mich wie in einem Traum aus einer sich entfernenden Perspektive und war trotzdem voll da. Selbst heute sehe ich mich von außerhalb, wenn ich daran zurückdenke. Da waren Freunde von meinem Bruder, die selbst kaum schwimmen konnten aber trotzdem versuchten mir zu helfen, doch es gelang ihnen nicht und ich fühlte mich noch mehr wie ein Ertrinkender. Schließlich war es mein Bruder, der mein Leben rettete, wofür ich ihm heute noch dankbarer bin als damals. Zurück am Ufer spuckte ich das Wasser aus mir und wir gingen heim, mit einem Riesenschrecken und trotzdem, als sei nichts gewesen.

Danach lernte ich schwimmen – allein. Und so trug mich der Fluss weiter an ein weit entferntes Ufer eines weit entfernten Landes. Er trug mich in eine Nacht, in der das Wasser sich in Zerstörung verwandelte. Es kam vom Meer und es trat über die Ufer. Es war so schwarz, wie Wasser nur sein kann und es zerschmetterte alles, was sich an der Küste befand. Allerlei Zerbrochenes, zersplittertes Holz, schwere Steine, Sog und Schub – alles Gleichzeitig. Nur ein paar Zentimeter weiter hinten, ein Stolperer zu viel oder ein sonstiges Missgeschick und ich wäre wieder beinahe verschluckt worden. Doch ich hatte Glück, für das ich nichts konnte. Am nächsten Morgen wachte ich auf und die Welt war eine andere. Das Ufer war zerstört und ich lag unter Trümmern mit nur wenigen Erinnerungen an die Nacht zuvor und mit gar keiner Ahnung, wie ich davon gekommen bin. Ich ging weg vom Wasser, tiefer ins Land, doch das Wasser blieb tief und ich hielt mich davon fern, denn es wollte mir offenbar an den Kragen.

Es dauerte sehr lange bis ich mich wieder im Wasser befand. Ich wachte auf an einem Strand, bei nicht allzu gutem Wetter. Der Kopf und die Brust lagen am Ufer, der Rest im Wasser. Schaulustige fanden mich wohl bevor ich noch zu mir kam. Keine Ahnung, für sie war es irgendwie lustig, für mich eher weniger, doch ich war froh, dass mir nichts Schlimmeres zugestoßen war. Ich rappelte mich auf und verließ diesen Strand, der sich mit Leuten füllte. Es war ein Strand wie in alten Zeiten, mit Menschen wie aus alten Zeiten. Für sie ging wohl gerade die Badesaison los. Ältere Herren plusterten sich auf. Jüngere Frauen benahmen sich, als seine sie nicht ganz bei sich und ich sah zu, dass ich verschwand ohne verstanden zu haben was hier lief.

Die Küsten haben mich eine Weile verfolgt und sich dabei gewandelt von gefährlich zu magisch, von stürmisch zu beeindruckend und kolossal. Der Mond hat sogar Platz gefunden im Wasser, das ich mit meinen Händen aus dem Bach geschöpft habe, an dem ich lebe. Es wurde etwas friedlicher. Nach einigen Tsunamis, die mir nach dem Leben trachteten, nach einer zu Schnee erstarrten, riesenhaften, tiefblauen Welle, die ich erklomm um zu verstehen, was dahinter liegt, traute ich mich schließlich sogar ein bisschen hinein ins Meer um zu tauchen. Mit einem ordentlich mulmigen Gefühl, doch ich tat es. Und während all dieser Zeit ging mein Weg nach unten mit angehaltener Luft und mit steigendem Druck, bis ich schließlich fast den Boden der tiefsten Stelle der Erde erreichte, als mein Sohn zu mir sagte: "Schau dich um, du bist tief genug, dir folgt keiner mehr." und ich tat was er sagte. Ich fing an aufzutauchen und mich dabei umzusehen. Es wurde mir dabei klar, dass ich nicht hinaus ins tiefe Wasser muss, um die Angst davor zu verlieren. Das war Quatsch, denn ich hatte Angst vor dem Wasser, ich war fast ertrunken. Das Hinauswagen ins tiefe Wasser war ein Leugnen der Angst und der falsche Weg. Ich hätte schon viel früher auf mich hören sollen. Nun bleibe ich tiefem Wasser fern.

Wasser... ...wenn ich unter der Dusche steh` dann kommen mir Ideen, so als ob sie mit dem Wasser kämen. Ein Aquarium, eine Taucherbrille und ich bin hingerissen von dem Anblick, der aus einer anderen Welt stammen könnte. Der Körper im Wasser und ich schwebe, als würde ich fliegen. Doch ich sinke, ich bin zu schwer fürs Wasser, deshalb bleibe ich lieber am Ufer. Und so trägt mich der Fluss, der mich werden ließ weiter, bis ich nicht mehr bin und so geht meine Reise weiter, solange ich bin. Ich bin im Fluss. Der Fluss macht müde und wenn ich müde bin, gehe ich ans Ufer bis ich ausgeruht bin um wieder weiter mitfließen zu können. Soviel zumindest habe ich auf meiner Reise durchs Wasser gelernt.

Wasser schleift Steine

Kommt nie aus dem Tritt

Wasser macht müde und nimmt dich dann mit

Wasser füllt Himmel

Schwebt über dem Land

Mein Wasser in mir

Es schleift mich zu Sand

Ich nehme den Sand

Vom Boden der See

Und füll` den Verstand

Bevor ich dann geh`